sinan

Sinan G.

Das Ruhrgebiet steht, vertreten durch die Stadt Essen, als Kulturhauptstadt Europas 2010 im europäischen Fokus. Die ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel nahm dies zum Anlass, mit einem Film der Frage nachzugehen, was den besonderen Charakter des Ruhrgebiets ausmacht.

Sieben talentierte NachwuchsregisseurInnen der Kunsthochschule für Medien Köln und der ifs internationale filmschule Köln werfen einen persönlichen Blick auf diese Region. Manchen von ihnen ist sie seit ihrer Kindheit sehr vertraut, anderen eher neu. Sie gehen der Frage nach, wofür das Ruhrgebiet heute steht, wo es seine Identität findet – eine Region, die so lange von der Industrie geprägt war und heute nach einem neuen Gesicht sucht.Sie erheben nicht den Anspruch, ein abschließendes Bild des Ruhrgebiets zu geben, stehen vielmehr stellvertretend für 53 Städte und Gemeinden, 5,3 Millionen Menschen, 4.435 Quadratkilometer, unzählige Klischees und kulturelle Vielseitigkeit. Entstanden ist ein Film, der durch eine innovative Verknüpfung der einzelnen Filmbeiträge ein umfassendes, unterhaltsames und gleichzeitig nachdenkliches Bild des Ruhrgebiets zeichnet. Johannes F. Sievert drehte für das ZDF die Episode SINAN G.


Statement von Johannes F. Sievert zu Sinan G.

Ruhrgebiet: Das war für mich immer nah der Heimat.

Groß geworden im ostwestfälischen Bielefeld, Dortmund eine Stunde entfernt. Dann nach Abitur und Zivildienst das Studium an der Ruhr-Universität Bochum, die erste eigene Wohnung: Ückendorfer Strasse in Wattenscheid. In unmittelbarer Nähe die Schachtanlage 1/2 der Zeche Holland – die einzige erhaltene Schachtanlage im Ruhrgebiet mit einem Zwillingsmalakowturm.

Mythenreich empfängt einen das Ruhrgebiet, wohlig findet man die gängigen Klischees bestätigt: harte Arbeit, ehrliche Leute, Solidarität, Kohle, Stahl, Schmelztiegel der Nationalitäten, Fußball, Pommes-Buden-Deutsch, Schimanski und der Kohlepfennig …

Der Wandel, speziell der Strukturwandel, bestimmte schon früh das Bild des Ruhrgebiets im Nachkriegsdeutschland. Die Gründung der Ruhr-Universität, ein Jahr nach der Neuansiedlung des Opel Werks (1960) setzte ein Zeichen: weg vom reinen Arbeiterstatus, hin zu einer akademischen Ausbildung. Was auch gelang: Die Bildungsreserven vor Ort konnten mobilisiert werden und boten auch denjenigen einen Studienplatz, deren Eltern keine Unterbringung fern der Heimat finanzieren konnten, so dass fast neunzig Prozent aller Studierenden aus einem 50-Kilometer-Umkreis kommen.

An der RUB habe ich eine geistige Heimat gefunden, die sich natürlich auch aus meiner filmischen und pop-kulturellen Sozialisation nährte: wie viel verlockender klang Extrabreits „Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück!“ als all die Versprechen heutiger Casting-Shows. Wie viel mehr Freiheit und ungestillte Sehnsucht lag in den filmischen Charakteren, die Westernhagen oder George spielten – um nur zwei zu erwähnen – oder die die Filme von Adolf Winkelmann bevölkerten.

Die Figur Schimanski ist so, wie er war, nur im Ruhrgebiet möglich gewesen.

Wo sonst hätte ein Tatort mit dem Satz: „Kein Schwanz ist so hart wie das Leben“ beginnen können, zudem man Georges nacktes Hinterteil vor einem noch dunklen, dem Morgen entgegen dämmernden Duisburg sah.

Stehaufmännchen wie Theo – „Aufforderung zum Tanz“ / „Theo gegen den Rest der Welt“ – nebst Kumpanen wie dem großartigen Guido Gagliardi – boten einen anderen Traum vom Glück als das vormalige bundesdeutsche Kino/Fernsehen.

Hier wurden Geschichten von Außenseitern und ihrer Suche nach dem Glück erzählt: mit geradezu amerikanischer Lakonie und trotzdem ganz eigenständig und unverkennbar deutsch.